Krenz warnt vor Geschichtslosigkeit im Umgang mit Russland
Klein Mittel Groß

Ribnitz-Damgarten Krenz warnt vor Geschichtslosigkeit im Umgang mit Russland

Der letzte Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und kurzzeitige Vorsitzende des Staatsrates, der heute bei Ribnitz-Damgarten lebt, räumt Missstände vor 1989 ein und kritisiert die aktuelle Politik des Westens gegenüber Russland.

Egon Krenz.

Quelle: Bernd Wüstneck/archiv

Ribnitz-Damgarten. Der vorletzte Staatsratsvorsitzende der DDR, Egon Krenz, hat eine enge Beziehung zu Russland. Als führendes Mitglied der SED war er stets nahe am Kreml und verfolgte die Geschichte zunächst der Sowjetunion und später von Russland. Er kritisiert in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur die aktuelle deutsche Politik gegenüber dem östlichen Nachbarn.

Frage: Die Nato hat mit ihren Truppen, darunter auch der Bundeswehr, ihre Präsenz im Baltikum ausgeweitet. Wie beurteilen Sie das?

Antwort:Das ist eine provokative Machtdemonstration. Sie verschärft die ohnehin zugespitzte Situation auf unserem Kontinent und darüber hinaus. Bekanntlich wurde die Sowjetunion am 22. Juni 1941 von Hitler-Deutschland überfallen. Dieses Datum ist für die meisten Russen mit dem damals geleisteten Schwur verbunden, der bis heute gilt: „Nie wieder sollen fremde Truppen unserer Grenze so nahestehen wie an jenem 22. Juni 1941.“ Der Krieg kostete 27 Millionen Sowjetbürgern das Leben. Dieses Trauma ist bis heute in fast jeder russischen Familie präsent. Aber just zum 75. Jahrestag des Überfalls deutscher Truppen auf die Sowjetunion wurden 2016 an Russlands Grenzen Manöver der NATO abgehalten. Das nenne ich geschichtslos. Im Verhältnis zu Russland kann das verhängnisvoll werden.

Frage: Manche osteuropäischen Länder haben seit dem Konflikt um die Ost-Ukraine und der Annexion der Krim Angst vor Russland und fürchten um ihre Souveränität? Ist da das Verhalten der Nato nicht verständlich, die eigenen Nato-Partner zu unterstützen?

Antwort: Die Ereignisse in der Ost-Ukraine und auf der Krim sind unter anderem Folgeerscheinungen der Politik des Westens, der sich nicht an die internationalen Abmachungen hält, die im Zusammenhang mit der Herstellung der deutschen Einheit getroffen wurden. Die sowjetischen Soldaten sind in den neunziger Jahren aus Deutschland abgezogen, ohne dass auch nur ein Schuss fiel. Sie hätten dies bestimmt nicht getan, wenn sie gewusst hätten, dass ihnen NATO Streitkräfte, darunter deutsche, bis an ihre Staatsgrenze nachrücken. Die Auflösung des Warschauer Vertrages hätte ein Signal zur Schaffung einer gesamteuropäischen Friedensordnung sein müssen. Stattdessen wurde es der Auftakt zur Demütigung Russlands, wogegen die Russen sich zu Recht wehren.

Frage: Viele Menschen in Europa fragen sich, welche Intentionen der russische Präsident Wladimir Putin hat. Was denken Sie?

Antwort: Das hat Putin vor fast 15 Jahren in einer Rede vor dem Deutschen Bundestag in einwandfreiem Deutsch dargelegt. Keiner der Abgeordneten kann sagen, er habe es nicht verstanden. Er hat begründet: Ohne eine moderne, dauerhafte und standfeste internationale Sicherheitsarchitektur schaffen wir auf diesem Kontinent nie ein Vertrauensklima und ohne dieses Vertrauensklima ist kein einheitliches Europa möglich. Leider haben die Herrschenden in Deutschland diese Rede und berechtigte russische Interessen nicht ernst genommen. Das rächt sich jetzt.

Frage: Wie beurteilen sie die momentane Verbindung zwischen Deutschland und Russland?

Antwort: Leider hat Bundespräsident Gauck in seiner Amtszeit etwas für Deutschland Wesentliches unterlassen: Er ist seit Jahrzehnten der einzige Bundespräsident, der während seiner Amtszeit Moskau keinen Besuch abstattete. Ich erinnere mich, als 1988 die Beziehungen der Bundesrepublik zur Sowjetunion auf einem Tiefpunkt waren, weil Kanzler Kohl Gorbatschow mit Goebbels verglichen hatte, fuhr Bundespräsident Richard von Weizsäcker nach Moskau und brachte alles wieder ins Lot. Schade, dass Herr Gauck zu einer solchen Geste nicht fähig war. Für Deutschland war das nicht gut. Seit Otto von Bismarck wissen Realpolitiker, dass Frieden in Europa nur mit und nicht gegen Russland möglich ist.

Krenz fordert differenzierteres DDR-Geschichtsbild

Krenz, hat außerdem ein differenzierteres DDR-Geschichtsbild gefordert. „Es hat nicht nur Widerständler gegeben, sondern Millionen Menschen, die gerne in der DDR gelebt und das Land aufgebaut haben.“ Dabei bestritt er nicht, dass es Missstände in der DDR und viele Unzufriedene gegeben habe. Er betonte jedoch, dass die anderen Länder und Systeme nicht besser seien. „Ich erwarte keine Loblieder. Die Wahrheit aber schon.“

Egon Krenz: Eine Karriere in der DDR

Der am 19. März 1937 in Kolberg geborene Egon Krenz hat in der FDJ eine geradlinige Karriere gemacht. Von 1959 war er im Bezirk Rostock auf diversen Funktionärsposten, und von 1961 bis 1964 Sekretär des FDJ-Zentralrats. Anschließend besuchte er die Moskauer Parteihochschule, ab 1971 war er Vorsitzender der Pionier-Organisation und ab Anfang 1974 erster Sekretär und damit Vorsitzender des FDJ-Zentralrats. 1983 wurde Krenz Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der SED für Sicherheitsfragen, Jugend, Sport, Staats- und Rechtsfragen.
Nachdem er 1984 zum Stellvertreter des Vorsitzenden des Staatsrates ernannt wurde, galt er als designierter Nachfolger Erich Honeckers. Im Oktober 1989 war es soweit. Für 50 Tage stand Krenz an der Spitze der SED, des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates der DDR und trat am 3. Dezember 1989 von allen Ämtern zurück. Im Januar 1990 legte er auch sein Volkskammermandat nieder.
1993 erhob die Berliner Staatsanwaltschaft gegen ihn Anklage wegen Totschlags und Mitverantwortung für das DDR-Grenzregime. Der Prozess endete 1997 mit einer Verurteilung zu sechs Jahren und sechs Monaten Haft. Eine Revision wurde vom Bundesgerichtshof abgelehnt, eine Verfassungsbeschwerde vom Bundesverfassungsgericht ebenso wie eine Menschenrechtsbeschwerde vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte abgewiesen. 2003 wurde er entlassen. Krenz lebt in Mecklenburg-Vorpommern.

Joachim Mangler, dpa

Voriger Artikel Nächster Artikel

Mehr zum Artikel

Alle Videos
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.
Städtewetter
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

RSS-Feeds