In amerikanischer Uniform ab in die Freiheit
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Ribnitz-Damgarten In amerikanischer Uniform ab in die Freiheit

Heinrich Strüving ist gerade 90 Jahre alt geworden. Der Ribnitzer sagt von sich: „Ich hatte immer viel Glück.“ Strüving war während des Zweiten Weltkriegs Betriebselektriker im Flugzeugwerk, als Soldat in Italien und später im Lastfuhrbetrieb seines Vaters wieder in Ribnitz tätig.

Heinrich Strüving ist ein Ribnitzer Urgestein.

Quelle: Edwin Sternkiker

Ribnitz-Damgarten. „Ich hatte eigentlich immer dann, wenn es darauf ankam, Glück “, sagt Heinrich Strüving von sich. Und er fügt hinzu: „Sonst wäre ich wohl nicht 90 Jahre alt geworden.“ Seinen Geburtstag konnte das Ribnitzer „Urgestein“ am 24. Februar feiern.

Geboren wurde 1927 in Wustrow, doch schon bald zog die Familie nach Ribnitz (Vorpommern-Rügen). Dort begann er 1941 bei Bachman im Flugzeugwerk eine Lehre als Betriebselektriker. 1944 ging es zum Arbeitsdienst und wurde in der Nähe des bei Neubrandenburg gelegenen Flugplatzes Trollenhagen stationiert. „Da erlebte ich im Oktober 1944 meine Feuertaufe“, erzählt der Ribnitzer. Amerikanische Bomber griffen Neubrandenburg an und warfen Bomben auf die Focke-Wulf Flugzeugwerke und den Flughafen Neubrandenburg-Trollenhagen. Als die Bomber herankamen, schrie ihm ein älterer Mann zu „Junge, geh’ in Deckung“. Das tat er, gerade noch rechtzeitig.

Wenige Monate vor Ende des Krieges wurde er als Soldat in Italien eingesetzt. Dort geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. In Neapel war er vom 19. Juni 1945 bis 24. Februar 1946 Angehöriger des amerikanischen Hafenbatataillons 9945, wo er als Mechaniker arbeitete.

Sein Captain bescheinigte ihm schriftlich, dass er alle Arbeiten, „insbesondere Auto-, Kran- und Traktorreparaturen sowie auch elektrotechnische Arbeiten, selbstständig, gewissenhaft und mit großem Interesse“, ausgeführt habe. „Ich kann Struewing als guten Fachmann jederzeit weiterempfehlen.“ Mit dieser Bescheinigung, ausgestellt auf Deutsch und Englisch, machte er sich auf den Weg Richtung Deutschland. Dort landete er zunächst in der Auffangstelle für deutsche Kriegsgefangene Nr. 4 in Löbau. Im Mai 1946 wurde er von dort Richtung Ribnitz in Marsch gesetzt. Die Bescheinigung, die er dieses Mal bekam, war in Deutsch und Russisch abgefasst.

Rotarmisten salutierten

Er gehörte zu den deutschen Kriegsgefangenen, die amerikanische Armeebekleidung mit der Kennzeichnung „POW“ (prisoner of war) erhalten hatten. „So, und in der kam ich in Ribnitz an und begegnete einigen russischen Soldaten. Die müssen das ,POW’ auf der Uniform übersehen haben und grüßten mich militärisch korrekt. Sie nahmen wohl an, ich sei Amerikaner.“ Für einige Verwirrung sorgte er mit seiner amerikanischen Uniform auch bei seiner Familie, als er dort ankam. Aber nur kurzzeitig, denn schon rief jemand: „Mensch, das ist ja unser Heini“. Die Freude, wieder zu Hause zu sein, währte allerdings nicht lange. „Die Russen hatten mich am Kanthaken. ,Du Faschist’ bekam ich bei Verhören zu hören, und nicht nur einmal. Dass ich da wieder rauskam, hatte ich der Fürsprache von Hermann Mevius, der im September 1946 zum Bürgermeister gewählt worden war, zu verdanken“, erzählt Heinrich Strüving weiter.

1959 Start ins Taxigewerbe

Am 1. Mai 1947 eröffnete er mit Unterstützung seines Vaters Paul Strüving in Ribnitz einen Lastfuhrbetrieb. „Wer das damals miterlebt hat, weiß, wie schwierig es war, etwas aufzubauen. Das erste Fahrzeug war ein Trecker vom Typ Lanz Bulldog, dazu kam noch ein selbst aufgebauter Hänger. „Der war mit Flugzeugreifen des Heinkel-Bombers He 111 bestückt. Die hatten wir vom Flugplatz Pütnitz.Von den Russen, die sich auf dem ehemaligen Wehrmachtsflugplatz einquartiert hatten, bekamen wir auch den ersten Auftrag. Wir fuhren Holz.“

1959 übernahm sein Vater dann den Lastfuhrbetrieb und er selbst erhielt in diesem Jahr die Genehmigung für ein Taxigewerbe. Das erste Taxi war ein Fiat, den er aus Einzelteilen zusammengebaut hatte. „Der wurde in der kalten Jahreszeit mit einem Katalyt-Ofen geheizt“, erzählt Strüving. Katalyt wurde in Damgarten gegen Schnaps eingetauscht. Zu seinen Fahrgästen gehörte unter anderem ein Steuerprüfer vom Finanzamt. Mit dem ist er über die Dörfer gefahren.

1961 schließlich konnte er einen Gebrauchtwagen vom Typ EMW kaufen. Der gehörte einst einem sowjetischen Offizier. „Das war ein toller Wagen“, schwärmt Strüving noch heute. Überhaupt nicht geschwärmt hatten die Genossen von der SED-Kreisleitung, die sich damals noch in dem Gebäude beim Bahnhof befand. Wie kann es sein, dass ein Ribnitzer Taxifahrer so ein Auto hat und die Kreisleitung nicht? „Da muss wohl eine Portion Neid mitgespielt haben“, erzählt der 90-Jährige noch heute sichtlich erheitert. Um allen Nachstellungen aus dem Wege zu gehen, fuhr er nach Rostock und ließ sich in der dortigen Kommandantur mit Brief und Siegel bestätigen, dass es mit dem Kauf des Wagens alles seine Richtigkeit hatte. Dieses Schreiben zeigte Wirkung, die Genossen ließen ihn künftig in Ruhe.

Wolga war erster Neukauf

Erst 1970 konnte mit einem Wolga M 21 das erste Neufahrzeug angeschafft werden, der wurde später durch einen Wolga M 24 ersetzt. „Als Taxifahrer erlebt man einiges. Manchmal hatte ich am Vormittag eine Hochzeit und am Nachmittag eine Beerdigung. Auf die Fahrgäste muss man sich einstellen“, erzählt der 90-Jährige.

Sein großer Wunsch war es immer, einen Mercedes zu fahren. Nach dem Mauerfall erfüllte er sich ihn und fuhr mit ihm ins Rentnerdasein, das er seit dem 1. Januar 1992 genießen kann. An diesem Tag übernahm sein Sohn Thomas in dritter Generation die Firma.

Edwin Sternkiker

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